Wir müssen schnell raus aus dieser Eskalationsspirale
Thüringer Porträt Andreas Schubert, der in Moskau studierte, zu Krieg und Frieden
Gerlinde Sommer
Gera/Erfurt. Der Weg nach Moskau ist für Andreas Schubert seit 1987 vorgezeichnet. Da hat er in seiner Heimatstadt Gera die zehnte Klasse abgeschlossen und eine Lehrstelle bei der Wismut sicher. Dann erhält er die Nachricht, dass er die ABF in Halle/Saale besuchen darf. ABF? Arbeiter und Bauern-Fakultät. Die gibt es unter diesem eher in die Aufbaujahre passenden Namen tatsächlich bis zum Ende der DDR. Wer an die ABF berufen wird, ist mit 17 bereits Student an einem Spezialbereich der Hallenser Hochschule und macht ein auf ein Studium im Ausland ausgerichtetes Abitur. Schubert soll Geophysik in Moskau studieren. Dass zwischen Abitur 1989 und Studienbeginn 1990 die Mauer fällt und die DDR in den letzten Zügen liegt, ändert nichts an dem Plan. Diese Art des Studiums wird in den 2-plus-4A/erträgen abgesichert, so dass Schubert fünf Jahre in Moskau bleiben kann und einen anerkannten Abschluss als Diplomingenieur hat, erzählter.
Erst Wahlkreismitarbeiter, dann Landtagsabgeordneter
Mittlerweile ist Schubert über 50 er ist ein schmaler Mann und wirkt noch immer jungenhaft. Der Ingenieur, der vor zwei Jahrzehnten auch noch Verwaltung gelernt hat, gehört seit der Wahl 2019 dem Thüringer Landtag an. Er ist Linker geworden wegen der Friedenspolitik rund um die Jahrtausendwende. Und jetzt ist wieder das Thema Krieg im Fokus: „Wir müssen schnell raus aus dieser Eskalationsspirale”, sagt er mit Blick auf die aktuelle Entwicklung. Ganz wichtig sei ein möglichst rascher Waffenstillstand. Es müsse die russische Zivilgesellschaft gestärkt werden, sagt er. Eine Lösung gebe es nur am Verhandlungstisch. Nichts von dem, was er zur Lage sage, betont Schubert, sei als Rechtfertigung von Putins Krieg gedacht. Zurück in die frühen 1990er Jahre: Der junge Mann aus Gera lernt während des Studiums in Moskau die Frau kennen, mit der er sein Leben verbringen will. Eine russische Kommilitonin. Und hätte es 1995 im deutsch-russischen Wirtschaftsverhältnis nicht gerade eine Krise gegeben, wären also die Jobmöglichkeiten für ihn damals dort besser gewesen, wäre er womöglich dortgeblieben – und sein Leben anders verlaufen. So aber kommt Schubert mit seiner Frau zurück in seine Gersche Heimat, in der sich in der ersten Hälfte der 1990er Jahre vieles verändert hat. Lusan etwa, wo er aufgewachsen war, hat sich „nach der Wende zu einer Schlafstadt entwickelt. Das Problem der Mobilität und der langen Wege" spricht er etwa im Landtagswahlkampf 2019 an. Die Verbindung von Stadt und Landespolitik ist ihm auch nach der Wahl ins Thüringer Parlament wichtig.
Schubert ist zweifacher Vater; die Tochter bereits in der Kommunalpolitik, der Sohn ein herausragender Schachspieler schon in jungen Jahren. Die Gedanken der Familie gehen jetzt oft Richtung Osten. Schuberts Schwiegermutter lebt in Russland. Ostern 2021 waren sie auf Besuch. Wie es weitergeht im Kleinen wie im Großen, das ist offen.
„Es wird mit jedem Tag schwieriger", sagt er mit Blick auf die Entwicklung in Putins Krieg aber auch mit Blick auf Russland. „Stabile Verhältnisse" würden jetzt Not tun, sagt er. Es sei wichtig, private Kontakte zu halten. Darum setzt er sich auch noch stärker für die beiden russischen Partnerstädte von Gera ein. Bei früheren Besuchen hat er immer wieder gedolmetscht.
Brücken in der Kunst, in der Kultur und Wissenschaft nicht abreißen
Es sei falsch, jetzt Brücken etwa in den Bereichen von Kunst, Kultur und Wissenschaft abzureißen. Angesprochen auf die 100 Milliarden Euro, die Deutschland absehbar in die Aufrüstung stecken will, schüttelt er den Kopf. Er glaubt nicht an Frieden durch Abschreckung. „Wir müssen uns an den diplomatischen Verhandlungstisch setzen", sagt der Geraer. Als er 1995 aus Moskau zurückkehrt, findet er zunächst Arbeit bei einem Energieunternehmen. Es geht um Gas. Auch so eine wichtige Frage in diesen Tagen: Wie sollen wir uns versorgen, um nicht so abhängig von Putins Russland zu sein? Schubert engagiert sich um die Jahrtausendwende wegen des Jugoslawienkriegs in der örtlichen Friedensbewegung, um 2000 in die damalige PDS einzutreten. Er wird für lange Jahre Wahlkreismitarbeiter von Dieter Hausold. Schubert ist seither bei der Linken vielfach engagiert an der Parteibasis, im Geraer Stadtrat und seit 2019 im Landtag, wo er wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Partei ist. Wenn es nun heißt, dass es nicht nur Putins Krieg sei, verweist er auf Jewgeni Jewtuschenkos Lied „Meinst du, die Russen wollen Krieg?" Dort wird auf die Erfahrungen des großen Mordens und auf das Leid am Grab verwiesen. In dem Anti-Kriegslied aus dem Jahr 1961 wird aber auch deutlich, dass die Gefahr nicht auf ewig gebannt ist: „Der Kampf hat uns nicht schwach gesehn, doch nie mehr möge es geschehn, dass Menschenblut, so rot und heiß, der bitt'ren Erde werd' zum Preis. Frag Mütter, die seit damals grau, befrag doch bitte meine Frau. Die Antwort in der Frage liegt: Meinst du, die Russen wollen Krieg?". Andreas Schubert gibt seine ganz eigene Antwort: „Dieser Krieg ist eine Katastrophe."

