Fortsetzung: Partnerstadt Sliven

Lora Jovtcheva, Hauptarchitektin der Stadt Sliven, Bernd Krüger, Flächennutzungspläne Gera und SlivenDie Krönung der Partnerschaftsbeziehungen stellt der Partnerschaftsgarten „Sliven“ im Hofwiesenpark dar. Nach dem Entwurf des Landschaftsarchitektin Teodora Ivanovna etnstand mitten in Gera ein Stück bulgarischer Natur mit dem lebendigen Symbol der Stadt Sliven, der Ulme. 2009 präsentierte sich die bulgarische Partnerstadt auf der 1. Internationalen „ReiseZeit“ - Ausstellung im Geraer KuK. Im Januar 2010 können sich die Geraerinnen und Geraer auf die Teilnahme der Slivener Freunde an der 2. Internationalen Messe „Reisezeit und Hochzeitsträume“ im KuK freuen. Vor kurzem nutzte Stadtratsmitglied Bernd Krüger seinen Bulgarienbesuch, um neu Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen beiden Städten auszuloten. Slivens Oberbürgermeister Jordan Lechkov (parteilos) sprach mit ihm über die Entwicklung der Stadt in den letzten Jahren. Lechkov, seit sieben Jahren an der Spitze seiner Stadt, ist eine bekannte Persönlichkeit in Bulgarien. Der ehemalige Profi - Fußballer vom Hamburger SV schoss 1994 für die bulgarische Nationalmannschaft das entscheidende WM-Tor gegen Deutschland - was den Bulgaren zu ihrem größten internationalen Erfolg verhalf: dem 3. WM-Platz.
Dies war sicherlich ein Bonus, als er sich 2002 - damals 35-jährig - zur Wahl als Oberbürgermeister in seiner Heimatstadt stellte und auf Anhieb gewann. Dass er inzwischen wieder gewählt wurde, hat aber mit Fußball weniger zu tun, als mit seiner erfolgreichen Politik zur Entwicklung der Stadt. In Sliven hat sich seither mehr getan als in den 12 Jahren der Lethargie von 1990 bis 2002. Zu Lechkovs sichtbaren Erfolgen zählt der Aus- und Neubau der gesamten Kanalisation, wofür auch EU-Mittel eingesetzt werden. Den schönen Gründerzeithäusern und Art Deko- Bauten im Stadtzentrum sieht man es an, dass sie erst kürzlich saniert wurden. Was ihm aber besonders am Herzen läge, sagte Lechkow, seien die Jugendarbeit und der Sport in der Stadt. Als Kernproblem für die weitere Entwicklung Slivens sieht er die alten zentralistischen Strukturen, die eine zügige Entwicklung der Stadt behindern. Große Hoffnungen setzen er und die Mitglieder des Gemeinderats deshalb auf den neu gewählten Premierminister Bulgariens, Boiko Borissow, der für eine Änderung dieser alten Strukturen plädiert. Das sei ein Thema, mit dem er wöchentlich mit Borissow konferiere, betonte Lechkov. Die Erfahrungen, die die deutschen Partnerstädte Karlsruhe und Gera in der Kommunalpolitik gesammelt hätten, könnten für Sliven von Nutzen sein. Eine intensivere Zusammenarbeit als bisher wäre erwünscht. Als Stadtplaner interessierte sich Bernd Krüger besonders für die städtebauliche Entwicklung Slivens, hat er auf diesem Gebiet doch selbst große Erfahrungen. Also stellte er den gegenwärtigen 2. Entwurf des Flächennutzungsplan Geras den Slivener Bauverantwortlichen vor, um dann darüber ins Gespräch zu kommen, mit welchen Problemen sich die Bulgaren herumschlagen müssen. Lora Jovcheva, die Hauptarchitektin Slivens, stellte nach seinem Vortrag fest, dass die Entwicklungen in Gera und Sliven unterschiedlicher kaum sein könnten. Während in Gera mit seinem dramatischen Einwohnerverlust gar keine Alternative bleibt als der Abriss tausender Wohnungen, ist das in Sliven nicht erforderlich. Die demografische Entwicklung ist da ziemlich stabil. Andererseits wären Abrisspläne wie in Gera in Sliven auch nicht möglich, da selbst in den großen Plattenbausiedlungen der Stadt vor allem Einzelwohneigentum herrscht - das heißt, jede Wohnung in den größeren oder kleineren Gebäuden hat ihren eigenen Besitzer. Entsprechend sehen die verfallenden Plattenbauten zum Leidwesen der Stadtplaner und Architekten aus: wer Geld hat, saniert seine Fenster und Türen, streicht seine paar Quadratmeter Fassade, während beim Nachbarn ohne Geld alles beim Alten bleibt und weiter ´verfällt. Eine Wohneigentumsverwaltung existiert nicht; es gibt keine Wohnungsgesellschaften oder Wohnungsbaugesellschaften mit einem, größeren Bestand an Mietwohnungen, mit denen gemeinsam sich eine umfassende Stadtplanung auf den Weg bringen ließe. Dennoch ist es dringend nötig, im erdbebegefährdeten Gebiet von Sliven die alternden, überwiegend hässlichen Plattenbauten in Frage zu stellen - im Moment weiß nur keiner, wie das gehen soll. Trotz eines entwickelten Bauplanungs- und Bauordnungsrecht wird meist gebaut, wie jeder gern möchte - ohne Rücksicht auf bestätigte Planungen. Schwarzbauten sind sozusagen die Normalität und die Stadtplaner sind am Verzweifeln; eine Abrissverfügung von Amts wegen wäre in Sliven undenkbar. Wenn es in Sliven von Problemen nur so wimmelt und die pekuniäre Decke der Stadt weder vorn noch hinten reicht, bemüht man sich, die reichen kulturellen Traditionen weiter zu pflegen. Zu Recht ist die Stadt stolz auf ihre Kunstgalerien, auf ihr Theater und auch auf ihr Puppentheater, dessen neueste Inszenierung “Rapunzel” bei Slivens Kindern großen Beifall findet. Stolz ist man auch auf das jährlich im Mai stattfindende Folklore-Festival der Jugend “Freundschaft ohne Grenzen”. Kulturamtsleiterin Dora Eskadimova sprach eine herzliche Einladung an Gera aus, sich vielleicht schon im nächsten Jahr daran zu beteiligen. Auch die Museen und Kunstgalerien haben schon erste, tastende Anstrengungen unternommen, die eingeschlafenen Beziehungen wieder zu erwecken. Vor allem die Ikonen-Sammlung in Sliven wäre es wert, in Europa bekannt zu werden - es ist die zweitgrößte ihrer Art in Bulgarien und damit ein kultureller Höhepunkt des Balkanstaates. Sliven hat ein Jugendparlament. Vielfältige Projekte reagieren auf die aktuellen Probleme der Jugend in der Stadt. Die sind nicht gering, denn in Sliven gibt es einen großen Slum, der vorwiegend von Angehörigen der Roma - Minderheit bewohnt wird. Drogenberatung, Sexualberatung, Werbung für Toleranz gegenüber Homosexualität, Gesundheitsaufklärung, Umgang mit Aggressivität sind deshalb Arbeitsschwerpunkte dieses Parlaments. Auch ein “Debattierklub” zum Gedanken- und Meinungsaustausch gehört als Angebot an die Jugend zum Jugendarbeitsplan der Stadt. Besucher Slivens werden besonders gern mit dem Museumsdorf Zheravna bekannt gemacht, von dem auch der Besuch aus Gera sehr beeindruck war. Dieses Beispiel gelungener Restaurierung jahrhundertealter Bauernhäuser ist ein Pluspunkt, den sich die Slivener Kommune gern an die Brust heften kann. Inzwischen ist der Antrag gestellt worden, Zheravna in die UNESCO-Welterbeliste aufzunehmen. Die Erhaltung des Dorfes als Gesamtanlage, als Denkmalensemble ist gut gelungen und denkmalfachlich überzeugend. An Denkmälern, vor allem der Ur- und Frühgeschichte, ist das Gebiet von Sliven besonders reich gesegnet. Es gehört zum inzwischen so genannten “Tal der Könige” in dem reiche Schätze der ältesten Kulturen ausgegraben wurden. Jährlich kommen neue, reiche Funde dazu. Eine goldene Totenmaske, die den Vergleich mit der “Goldmaske des Agamemnon”, die Heinrich Schliemann einst in Mykene ausgrub, nicht zu scheuen braucht, ist erst vor zwei Jahren in einem Hügelgrab bei Sliven gefunden worden und kann im Historischen Museum der Stadt besichtigt werden. Für einen Besuch des Geraer Oberbürgermeisters bei seinem Amtsbruder in der Partnerstadt ist daher genügend Gesprächsstoff vorhanden - die herzliche Einladung an Dr. Norbert Vornehm hat OB Jordan Lechkov an Bernd Krüger als Abgesandten Geras gern ausgesprochen. Joachim Lange Oktober 2009

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